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In der Nominierungsjury

Frauke Jäger ist Buchhändlerin in der Spitalerstraße in Hamburg. Seit mehr als fünfzehn Jahren betreut sie dort die große Hörbuchabteilung und blickt selbst auf eine lange „Karriere“ als Hörbuch-Hörerin zurück. 2012 wurde Frauke Jäger in die Nominierungsjury für den Deutschen Hörbuchpreis eingeladen.

Frau Jäger, wie erklären Sie sich die große Beliebtheit von Hörbüchern?

Für viele Menschen gehören Hörbücher heute zum Alltag. Vorgelesene Geschichten und Hörspiele sind sehr geeignet, monotone aber notwendige Tätigkeiten zu versüßen. Die Menschen haben dann das Gefühl, dank Hörbüchern ihre Zeit besser und sinnvoller zu nutzen. Viele lassen sich bei der Hausarbeit vorlesen. So kommen auch diejenigen, die weniger Zeit haben und viel unterwegs sind, in den Genuss von Literatur und tollen Geschichten. Auch auf Reisen sind Hörbücher sehr beliebt. Ein Klassiker ist das Hörbuch für die lange Autofahrt – gerne auch eins für die ganze Familie. Eine weitere Gruppe favorisiert das Hörbuch zur bewussten Entspannung vor dem Einschlafen als Gute-Nacht-Geschichte. Nicht nur Kindern tut es gut, wenn man ihnen vor dem Einschlafen vorliest. Neben der Unterhaltung und Entspannung kann das Hören auch der pure Kunstgenuss sein, wenn ein Text virtuos vorgetragen wird.

Wie läuft das Auswahlverfahren ab?

Der Deutsche Hörbuchpreis wird aktuell in sechs Kategorien verliehen: Beste Interpretin/ Bester Interpret, Bestes Sachbuch, Bestes Hörspiel, Bestes Kinderhörbuch und Beste Unterhaltung. In diesem Jahr hatten wir insgesamt 279 Einreichungen, die natürlich erst einmal alle angehört werden wollen. Diese Fleißarbeit macht zunächst jeder für sich. Dabei achte ich auf verschiedene Aspekte: Wie ist der Ton? Gibt es Störgeräusche? Werden zwischen den einzelnen Kapiteln Pausen eingehalten? Spricht der Sprecher angenehm und verständlich? Und ganz wichtig: Spricht mich die Geschichte an? So erstellt jeder seine persönliche Favoritenliste, die wir in der Jury diskutieren.
In der Nominierungsjury ermitteln wir auf dieser Basis eine gemeinsame Longlist mit etwa 10 Titeln pro Kategorie und nominieren daraus dann jeweils drei Titel. Die nominierten Hörbücher werden an die Preisträgerjury und an die Kinderjury weitergereicht. Sie entscheiden über die Gewinner des Deutschen Hörbuchpreises.

Was macht ein gutes Hörbuch aus?

Ein gutes Hörbuch zeichnet sich für mich dadurch aus, dass es nicht einfach nur ein vorgelesenes Buch ist, sondern für den Hörer einen Mehrwert zum Buch stiftet. Dabei kommt es auf die richtige Mischung aus Dialog, Geräusch und Musik an. Eine gute Lesung ist immer auch eine Interpretation eines Textes, dahinter steckt eine aufwändige Dramaturgie.
Und ganz wichtig: Sprecher und Text müssen zusammenpassen. Nicht jeder kann alles lesen. Bücher bekommen in gesprochener Form einen lebhaften Charakter. Dadurch gelingt es, dem Hörer ein Buch schmackhaft zu machen, dass er selber vielleicht nicht lesen würde. Ich selbst lese beispielsweise keine Fantasy-Romane und ganz wenig Science Fiction, habe aber mit großer Begeisterung „Prinzessin Insomnia“ von Walter Moers oder den „Elfenzyklus“ von Bernhard Hennen gehört. Gerade erst habe ich die Hörspielbearbeitung von „Die drei Sonnen“ gehört und gleich noch die Lesung von „Der Dunkle Wald“ drangehängt.

Wie viele Hörbücher haben Sie schon gehört?

In meinem Leben haben Hörbücher den Fernseher komplett verdrängt. Ich höre nicht nur nebenher, sondern oft genug einfach so, ohne etwas anderes zu tun. Wie viele Hörbücher ich schon gehört habe, kann ich gar nicht so genau sagen, da habe ich schon lange aufgehört zu zählen!

Welche drei Hörbücher haben Sie in diesem Jahr besonders begeistert – und warum?

In diesem Jahr besonders begeistert haben mich Eva Mattes‘ kongeniale Lesungen von Elena Ferrantes Neapolitanischer Saga und das Feature über Fritz Bauer („Fritz Bauer. Sein Leben, sein Denken, sein Wirken“) und dessen bahnbrechende Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der Bundesrepublik. Für dieses Hörspiel wurden original O-Töne aus den Archiven und Zeugnisse über die Person Fritz Bauer und die Auschwitz Prozesse zusammengetragen. Die Verwendung von Originaltönen ist ein tolles Beispiel für den Mehrwert, den ein Hörbuch haben kann.
Als Drittes hat mir die Hörspielbearbeitung von Virgina Woolfs‘ „Zum Leuchtturm“ sehr gut gefallen. An dem Buch bin ich gescheitert, aber das Hörspiel hat mich gefesselt. So habe ich mir übrigens auch den einen oder anderen Klassiker erschlossen.